Bannerbild | zur StartseiteBannerbild | zur StartseiteBannerbild | zur Startseite
  • Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Zwei Wochen Mäuschen spielen – an einer französischen Schule, dem Lycée Professionnel Pierre Bérégovoy in Nevers

Vom 01.03. – 13.03.2026 nahm ich, Antje Szabó (Französisch- und Sportlehrerin am Bertha-von-Suttner-Gymnasium), an einem zweiwöchigen Hospitationsprogramm teil und hospitierte am Lycée Professionnel Pierre Bérégovoy in Nevers.  Diese Schulform existiert in Deutschland in der Art und Weise nicht. Mich hat nachhaltig beeindruckt, wie Theorie und Praxis auf diesem Schulcampus miteinander verwoben sind. 


Ein Lycée Professionnel ist eine berufsbildende weiterührende Schule, die SchülerInnen ab Klasse 9 auf einen konkreten Beruf vorbereitet. Dort kann man die Abschlüsse CAP (Certificat d’aptitude professionnel) oder Baccalauréat Professionnel ablegen. Das CAP erreicht man nach einer zweijährigen Ausbildung, das Baccalauréat Professionnel, auch Bac Pro genannt, schließt man nach drei Jahren ab. Es ist vergleichbar mit dem Fachabitur und berechtigt entweder zu einem direkten Berufseinstieg oder einem weiterführenden Studium an einer Fachhochschule (mit dem Abschluss des BTS). In dieser Hinsicht unterscheidet sich diese Schulform wesentlich von der unseres Gymnasiums in Potsdam Babelsberg, die als oberstes Ziel das Erreichen der Allgemeinen Hochschulreife anstrebt. 


Da ein großer Praxisbezug angestrebt wird, befinden sich dementsprechende Arbeitsplätze vor Ort:
- eine voll ausgestattete Autowerkstatt (siehe Fotos) mit Hebebühnen, Spezialwerkzeugen, „voitures pédagogiques“, also Autos, die speziell für die Automechaniker-Ausbildung konzipiert sind, als auch voitures clients (Kundenfahrzeuge), zum Beispiel aus dem Kollegium, die zum Reifenwechsel oder Beheben von anderen kleineren Mängeln in die SchülerInnenhände gegeben werden. – Natürlich alles unter Aufsicht des Ausbilders. Auf charmante Art und Weise und mit einem Augenzwinkern wurde ich darauf aufmerksam gemacht, während die SchülerInnen an einem defekten Opel rumschraubten, dass glücklicherweise genug deutsche defekte Autos in ihrer Werkstatt landen. Französische Autos gingen einfach nie kaputt und so hätten sie in der Ausbildungsstätte sonst gar keine Arbeit… Vive l‘humour franco-allemand. 😉


- eine Halle mit demolierten, verrosteten, Autos, zerbeulten Autotüren, Heckkappen, usw., an denen sich die SchülerInnen am Ausbessern, Lackieren, Schweißen, usw. ausbilden ließen (siehe Fotos).
- eine Halle für zukünftige Elektriker mit passendem Equipment, Kabeln, Werkzeugen, Übungswänden zum Installieren der komplexen Arbeitsanweisungen, usw. Hier durfte ich eine Kundin spielen, die sich nach der Fertigstellung des Einbaus von Steckdosen, Lichtschaltern, Zeitschaltuhr und fachgerechtem Verlegen der Kabel nach deren Funktionieren erkundigt und sich die Vorgehensweise erklären lässt (siehe Fotos).
- eine voll ausgestattete Tischlerei in Fourchambault (siehe Fotos) mit unterschiedlichsten (Tisch-)Sägen, individuellen Arbeitsplätzen, Belüftungsanlage, Theorieraum, usw. In dieser Hospitation wurden die SchülerInnen zunächst theoretisch eingewiesen, welche Besonderheiten sie beim Ausmessen beachten müssen, damit die Winkel am Ende stimmen. Das fertige Stück sollte ein Tablett mit schräg angestellten Rändern sein. 
- Im Bereich „sécurité“, Sicherheit, werden die SchülerInnen ausgebildet, die später in den Bereich Feuerwehr, Polizei, Security, usw. gehen werden. Erste Hilfemaßnahmen wurden zunächst theoretisch besprochen. Die Rettung einer verunglückten Person aus einem Fahrzeug wurde anschließend praktisch erprobt.
Den theoretischen Unterricht verfolgte ich den Klassenräumen (siehe Fotos) und hospitierte in den Sprachen Englisch und Französisch als Fremdsprache, in den Naturwissenschaften Physik, Mathematik und Chemie. Die Fächer hatten einen großen Praxisbezug und waren je nach Ausbildungszweig auf die Thematik angepasst. 
Sehr interessant war es, dass ich trotz der Unterschiedlichkeit der Fächer ein durchgängig straffes, sehr lehrerzentriertes Lehren beobachtet habe, das teilweise an Vorlesungscharakter erinnerte. Es wurde wenig in Aufgabenbereich II und III gearbeitet, Antworten wurden oft anschließend vorgegeben und auf den Arbeitsblättern, die oft Lückentextcharakter hatten, eingetragen.  Es wurden auffällig oft Tests geschrieben. Das Thema Leistungsbewertung hat gefühlt einen höheren Stellenwert als bei uns. 


An dieser Stelle wurde für mich deutlich, wie sehr sich das deutsche und das französische Schulsystem unterscheiden. Durch die landesweit einheitlichen Lehrpläne und Unterrichtsinhalte bleibt wenig Spielraum für die Lehrkraft, tagespolitisch aktuelle Themen spontan in den Unterricht einzubauen beziehungsweise die SchülerInnen in Partner- oder Gruppenarbeit Inhalte induktiv erarbeiten zu lassen. Dies ist sicherlich nicht gänzlich unmöglich (auch ich hatte schließlich die Möglichkeit, meine Schule und Potsdam im Unterricht vorzustellen), aber dennoch empfand ich das System als ziemlich starr. 


Mit ca. 450 SchülerInnen ist das Lycée professionnel mit unserem Bertha-von-Suttner-Gymnasium zu vergleichen. Der Umgang des Kollegiums untereinander und mit der Schülerschaft nahm ich als sehr persönlich wahr. Ich kannte am Ende meiner Hospitationszeit bereits einen Großteil der französischen KollegInnen mit Namen und auch einzelne bekannte SchülerInnengesichter begegneten mir immer wieder in den unterschiedlichsten Hospitationsstunden. Den Umgang auf dem Campus empfand ich als sehr angenehm (es wurde freundlich gegrüßt, der Unterricht begann pünktlich, die Pausen wurden gesellig im LehrerInnenzimmer verbracht) und aufmerksam (das gegenseitige Türenaufhalten wurde nicht nur von Lehrkräften für Lehrkräfte oder von SchülerInnen für Lehrkräfte praktiziert, sondern auch als ganz selbstverständlich von den SchülerInnen untereinander ausgeführt.) 


Was ich als sehr angenehm empfand, war die Herzlichkeit und Offenheit, mit der ich empfangen wurde. Meine beiden Betreuerinnen Marie Peyre und Laura Lancien sind vor Ort für internationale Austausche verantwortlich und legen sehr viel Herzblut in diese Angelegenheit. Bereits im Vorfeld fühlte ich mich sehr gut betreut und konnte ganz unkompliziert per E-Mail oder Handy Fragen zum Stundenplan, zur Unterkunft etc. stellen. Die beiden haben da schon einige Erfahrung und so gibt es in Punkto Internationalität nicht nur jedes Jahr einen englischen oder deutschen Fremdsprachenassist/In an der Schule, sondern mit dem Programm ERASMUS + finden jährlich Austausche in belgische oder portugiesische und polnische (in Planung) Unternehmen statt, in denen die SchülerInnen ein zweiwöchiges Praktikum in ihrem Ausbildungszweig absolvieren. Ich war bereits die dritte Kollegin aus Deutschland, die am lycée an einem zweiwöchigen Hospitationsprogramm teilnahm.

 

Die Eindrücke, die ich sammeln und wiederum aus meiner Perspektive als deutsche Lehrerin an die französische Schülerschaft weitergeben konnte, nahm ich als sehr bereichernd war. Ebenso die Schilderungen der Eindrücke der SchülerInnen, die im letzten Jahr ihr zweiwöchiges Praktikum in Belgien absolvierten, zeigten mir auf, wie wichtig solche Erfahrungen im Ausland für junge Menschen sind – im Hinblick auf Selbständigkeit, Toleranz und Offenheit. Ein Schüler im letzten Ausbildungsjahr erzählte, dass es für ihn das erste Mal gewesen sei, dass er im Ausland war. 


Die Selbstverständlichkeit, mit der das Thema Internationalität am lycée behandelt wurde, beeindruckte mich. Diesen Gedanken nehme ich mit nach Hause, um sowohl unseren SchülerInnen zukünftig die Möglichkeit zu bieten ins französischsprachige Ausland zu reisen (in Form eines Schüleraustausches) als auch ausländischen KollegInnen die Möglichkeit zu geben, an unserer Schule zu hospitieren und Einblicke in das deutsche Schulsystem zu bekommen. 
Dieser Aufenthalt war für mich in jeglicher Hinsicht mehr als bereichernd. Ich bedanke mich von Herzen bei meiner Schulleitung und meinem tollen Kollegium, die mir dieses Abenteuer ermöglicht haben. Ich würde es jederzeit wieder machen, kann es jedem nur ans Herz legen und bin dankbar, dass es solche Programme gibt, die einen über den eigenen Tellerrand schauen lassen und einen aus der Komfortzone locken. 


Merci beaucoup. 😊
Antje Szabo
 

Fotoserien

Zwei Wochen Mäuschen spielen (MI, 22. April 2026)

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mi, 22. April 2026

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen